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Die Geschichte Mallorcas: Ein Blick auf 10 000 bewegte Jahre


 

1. Mallorca. Eine Zeitreise

Wer fremde Länder verstehen möchte, sollte ihre Geschichte kennen. Ohne die Vergangenheit zu betrachten, bleibt die Seele jedes Landes unzugänglich. Viele Urlauber, die nach Mallorca kommen, wissen über die fast 10 000-jährige Kulturgeschichte der Insel nicht allzu viel. Dabei ist Mallorca kein Spielgarten, als den es manche Touristen missverstehen. Höhen und Tiefen, Blütezeiten und Grausamkeiten der spanischen Geschichte betrafen auch Mallorca.

Obwohl Mallorca meistens von außen regiert wurde, ermöglichte sein insularer Charakter auch Eigenständigkeit. Andererseits ist es relativ klein, war schwer zu verteidigen und leicht erreichbar. Immer wieder fiel Mallorca in die Hände größerer Mächte: Karthager, Römer, Byzantiner, Vandalen, Mauren, Spanier.

Mallorca besitzt fast keine Rohstoffe, fungierte aber jahrhundertelang als Drehscheibe des Handels. Schiffe der Mallorquiner verkehrten nicht nur im Mittelmeer, sondern fuhren bis England und Südamerika.

Seit 1343 gehört Mallorca endgültig zur Geschichte Spaniens. Dennoch pflegte es seine individuellen Eigenschaften und bildet heute das Kernstück der „Autonomen Region der Balearen“. Eine produktive Dynamik entstand, die der Insel ihren besonderen Reiz verleiht.

2. Zur Geologie der Balearen

Ursprünglich gehörten die Balearen zur Betischen Kordillere, einem Kalksteingebirge, das von Andalusien bis Mallorca reichte und etwa zeitgleich mit den Alpen vor über 100 Millionen Jahren aufgrund der Plattentektonik emporwuchs. Die afrikanische Platte schob sich gegen die europäische und drückte den Meeresboden hoch.

Das Betische Gebirge versank im Meer; tektonische Bewegungen sorgten dafür, dass die heutigen Balearen erneut nach oben kamen. Mallorca besteht aus Kalkstein, der sich einst am Meeresgrund gebildet hatte. Die Erosion des weichen Gesteins schuf große Höhlen ebenso wie tiefe Schluchten. Hierzu zählen die legendäre Drachenhöhle bei Puerto Christo und der Torrent de Pareis.

3. Ferne Anfänge: die Höhlenkultur

Die ersten Menschen besiedelten Mallorca, so wird angenommen, im 8. Jahrtausend v. Chr. Woher sie kamen, ist ungeklärt. Vermutlich stammten sie aus Katalonien und Südfrankreich; denkbar sind auch Sizilien oder Korsika. Menschliche Knochen aus der Steinzeit fand man in Höhlen bei Palma, Valldemossa, Felanitx, Arta.

Als Kleingruppen lebten diese Menschen in Höhlen oder Hütten; sie jagten, fischten und sammelten. Noch bis in das Mittelalter wurden auf Mallorca Höhlen als Wohn- und Begräbnisstätten genutzt. Um 1800 v. Chr. baute man die ersten Steinhäuser mit Holzdächern. Aus der gleichen Zeit stammen Malereien, welche Tiere und Menschen zeigen, in der Höhle von Cova de Belem bei Deia. Funde von Metallgeräten belegen schon für die damalige Epoche eine rege maritime Handelstätigkeit.

4. Die Epoche der Talayots

Auf Mallorca wurden zwischen 1300 und 300 v. Chr. etwa 1000 Megalith-Bauten errichtet. Man nennt sie Talayots, bis zu acht Meter hohe, runde oder eckige Steinanlagen, die eventuell militärischem Schutz oder kultischen Zwecken dienten.

Talayots lagen im Zentrum von Siedlungen, die einige Dutzend Häuser umfassten, in denen mehrere Familien wohnten. Ungeklärt ist die Bedeutung der im 5. oder 4. Jahrhundert v. Chr. bei dem heutigen Stausee Gorg Blau errichteten Steinpfeiler.

Die etwa 10 000 in soziale Kasten gegliederten Bewohner Mallorcas betrieben Landwirtschaft und Viehzucht. Am Ende der Talayot-Epoche verließen manche von ihnen die Insel, um sich andernorts als Söldner zu verdingen.

5. Karthager und Griechen

Griechische, phönizische und karthagische Händler nutzten ab dem 7. Jahrhundert v. Chr. Mallorca als Handelsort und drängten die Talayot-Kultur zurück. Erstmals wurden im 5. Jahrhundert v. Chr. balearische Steinschleuderer, die in Karthagos Diensten standen, schriftlich erwähnt. Der Name „Balearen“ geht auf das griechische „ballein“ (werfen) und „Baliarides“ zurück – Steinschleuderer.

Über die Bewohner Mallorcas jener Epoche notierte der Grieche Timaios, dass die Balearen Inseln seien, „welche die Griechen Gimnesias nennen, weil die Bewohner im Sommer keine Kleider tragen und nackt bleiben. Die Eingeborenen werden Balearen genannt, weil niemand auf der Welt außer ihnen so große Steine mit Schleudern werfen kann“. Aus der Ägäis importierte antike Bronzestatuen zeigt das archäologische Museum in Alcudia.

Bei den heutigen Städten Palma und Pollensa siedelten Griechen im 7. vorchristlichen Jahrhundert. Phönizier und Karthager lebten auf der Insel Cabrera und nahe Portals Nous, Can Pastilla und Sant Jordi. Möglicherweise gab es dort, wo heute Alcudia liegt, eine phönizische Wohnstätte.

Nachdem Karthago die Griechen 535 v. Chr. in der Seeschlacht bei Alalia geschlagen hatte, dominierten die Nordafrikaner das westliche Mittelmeer. Anders als eroberungssüchtige Römer legte Karthago vorrangig Handelsplätze an. Etwa 2000 mallorquinische Steinschleuderer kämpften im zweiten punischen Krieg (218-201 v. Chr.) für Karthago.

6. Rom betritt die Bühne

Schrittweise eroberte Rom die iberische Halbinsel und warf Karthago 146 v. Chr. endgültig nieder. Bald begehrten die Römer auch das günstig gelegene Mallorca als Stützpunkt und Umschlagplatz. Unter dem Vorwand, mallorquinische Piraten bekämpfen zu wollen, beauftragte der römische Senat den Prokonsul Metellus, die Insel zu erobern. 123 v. Chr. landete Metellus mit 3000 Legionären wahrscheinlich in der Bucht von Alcudia.

Fortan hieß Mallorca „Insula Major“, ab der späten römischen Kaiserzeit „Maiorica“. Das halbe Jahrtausend römischer Herrschaft bedeutete für Mallorca eine tiefe Zäsur. Militärlager entstanden, darunter im späten 2. Jahrhundert v. Chr. Palmeria, aus dem Palma hervorging. Die Römer gründeten bei dem heutigen Alcudia die Regierungshauptstadt Pollentia. Ebenfalls in römischen Militärquartieren oder Siedlungen wurzeln Llucmajor, Sineu, Andratx.

Zwischen Palma und Pollentia bauten die Römer eine Straße und gründeten Inca als weiteren Standort der Verwaltung. Drei Präfekten kontrollierten die Balearen, welche einer festländisch/spanischen Provinz angehörten. Diese enge Verbindung mit Spanien stellte eine Weiche für die Zukunft.

Mallorca wurde durch römisches Recht und die lateinische Sprache immer stärker romanisiert. Manche Inselbewohner erhielten das volle römische Bürgerrecht, andere das eingeschränkte latinische Recht. Mittels der Abstufung der Rechte förderten die Römer den Willen der Inselbewohner, sich der römischen Kultur anzupassen.

In der frühen römischen Kaiserzeit war der Prozess der Romanisierung abgeschlossen. 75 n. Chr., unter der Regierung des Kaisers Vespasian, erhielten Pollentia und Palma das volle römische Bürgerrecht. Etwa 30 000 Menschen lebten auf Mallorca; zahlreiche Handelsschiffe verkehrten zwischen der Insel und Italien. Die Zerstörung des Jerusalemer Tempels (70) veranlasste einige Juden, nach Mallorca auszuwandern.

Reste des in Pollentia im ersten Jahrhundert n. Chr. gebauten Amphitheaters sind in Alcudia zu besichtigen. Das heutige Pollensa gründeten vermutlich in Spätantike oder Frühmittelalter umgesiedelte Bewohner der Stadt Pollentia.

Palma erhielt ebenfalls ein Amphitheater und ein Forum. Eine Wehrmauer, die bis ins frühe 20. Jahrhundert existierte, schützte die Bewohner. Villen voller Mosaikfußböden und Wasserleitungen zierten das antike Palma.

Römische Architektur und Ingenieurskunst bestimmten die Bauweise der Ortschaften und Straßen. Viele Städte erhielten Wasser durch Aquädukte; spanische und italienische Siedler führten Weinbau und Olivenzucht ein. Handwerker stellten Keramik, Lehmziegel, Amphoren und Glaswaren her. Im Süden Mallorcas wurde Campos wegen seiner Thermalquellen, die zu den wichtigsten im Mittelmeer gehörten, stark frequentiert.

7. Die Spätantike

Lange Zeit blühte Mallorca, aber seit dem 3. Jahrhundert geriet Rom in eine Dauerkrise, welcher 200 Jahre später der Untergang folgte. Um 270 sank Pollentia großenteils in Trümmer, wobei innerstädtische Unruhen eine Rolle spielten. Die Balearen wurden 369 in eine separate Verwaltungsprovinz umgewandelt, ohne dass sich die Situation besserte.

Viele Mallorquiner zogen sich ins Privatleben zurück; die Zahl öffentlicher Bauten sank drastisch. Im weströmischen Reich begann eine beispiellose geistige Weltflucht, die den Sieg des Christentums vorbereitete. Ab dem 3. Jahrhundert erfasste der christliche Glaube auch die Balearen: eine fundamentale historische Zäsur fand statt.

380 wurde das Christentum im römischen Reich zur Staatsreligion erhoben; vermutlich entstand 480 Mallorcas erstes Bistum. Kaum hatten Christen die Macht erobert, verfolgten sie „Häretiker“. Auf der Insel Cabrera lebten seit dem frühen 5. Jahrhundert Augustiner.

7. Völkerwanderung und Frühmittelalter

In den folgenden zwei Jahrhunderten erlebte das westliche Mittelmeer zahlreiche Turbulenzen. Vandalische Invasoren, deren Kriegsflotte das Meer beherrschte, plünderten die Balearen. 425 fiel ihnen Pollentia in die Hände; rapide verfiel Mallorcas damals noch größte Stadt. Das Amphitheater wurde in einen Friedhof umgewandelt. Etwa 429 wurden die Balearen dem Reich der Vandalen, dessen Schwerpunkt im heutigen Tunesien lag, eingefügt. Mallorca musste Tribute entrichten; trotzdem hinterließen die Vandalen auf Mallorca kaum Spuren.

Byzanz zerschlug 534 das Reich der Vandalen und besetzte das strategisch wichtige Mallorca. In byzantinischer Zeit gewann Palma den Rang einer neuen Inselhauptstadt. Schiffe liefen nun meistens die Bucht von Palma an. Während der über dreihundertjährigen byzantinischen Ära gehörte Mallorca zum „Exarchat Mauretania Secunda“. Die Basilika von Son Fiol ist byzantinischen Ursprungs.

Dann entrissen die Westgoten 616 Byzanz seine spanisch/festländischen Territorien. Jedoch verblieben die Balearen bei Ostrom und waren von Spanien getrennt. Im 7. Jahrhundert verdrängte der aggressive Islam Byzanz aus Nordafrika; manche von dort vertriebene Christen emigrierten nach Mallorca.

8. Unter der Herrschaft des Islams

Muslime okkupierten im frühen 8. Jahrhundert fast die gesamte iberische Halbinsel. Die Eroberer unterstanden dem Umayyaden-Kalifat von Damaskus. Der Clan der Abbasiden stürzte 750 die Umayyaden, deren einziger Überlebender, Abd ar-Rahman, in Spanien das Emirat von Cordoba gründete. Fast gleichzeitig begann die jahrhundertelange christliche Reconquista (Rückeroberung) Spaniens.

Mallorca kam in Bedrängnis, blieb aber vorläufig vom Islam verschont, weil den Arabern anfangs eine starke Flotte zur Eroberung der Balearen fehlte. Mallorquinische Piraten attackierten sogar die iberisch-arabische Küste. Der um Hilfe gebetene Karl der Große rettete Mallorca 799 vor einer muslimischen Invasion. Noch unterstanden die Balearen formal Byzanz, waren aber relativ unabhängig, auch wenn ihre Bevölkerungszahl und Wirtschaftskraft schrumpften. Seit der Mitte des 9. Jahrhunderts musste Mallorca den Umayyaden Tribut entrichten.

Schließlich eroberten spanische Araber 903 Mallorca; innerhalb eines Jahres brachen sie den letzten Widerstand. Ein muslimischer Statthalter, den der Emir ernannte, regierte die Balearen und machte Arabisch zur Amtssprache. Christen und Juden zahlten eine Kopfsteuer, hatten politisch nichts zu sagen, durften aber ihre Religionen eingeschränkt ausüben. 929 trat an die Stelle des Emirats das Kalifat von Cordoba.

Bald nach der Besetzung Mallorcas errichteten die Mauren in Palma, das nun „Madinat Mayurca“ hieß, einen Almudaina genannten Herrschaftspalast, der auf römischen Fundamenten ruhte. In Palma gibt es noch heute Reste arabischer Bäder. Mauren gründeten Alcudia (= der Hügel) und bedienten sich hierzu römischer Baustoffe. Auch die botanischen Gärten von Alfabia und Son Raxa erinnern an die Maurenzeit, ebenso arabische Städtenamen, außer Alcudia beispielsweise Binissalem.

Von Mallorca aus unternahmen muslimische Seeleute Raubfahrten gegen die spanische und französische Küste. Piraterie und Sklavenhandel verbesserten Mallorcas wirtschaftliche Situation. Das von Römern geschaffene Bewässerungssystem erweiterten die Araber vor allem bei Banyalbufar und Estellenc. Obst und Wein wurden angebaut; zahlreiche Windmühlen dienten der Getreideversorgung. Außerdem züchteten die Mauren Schafe, Ziegen und Maultiere, verarbeiteten Seide und Leder, produzierten Keramik in Felanitx und Inca.

Im frühen 11. Jahrhundert zerfiel das iberische Kalifat in Kleinkönigreiche (Taifas), die oft ehemalige Sklaven regierten. Bis 1115 unterlag Mallorca der Herrschaft von Taifa-Dynastien. In dieser Zeit wurde südlich von Felanitx die Festungsanlage Castell de Santueri gebaut. Palma zählte acht Moscheen und zwei maurische Festungen.

Zwischen 1086 und 1090 gelangten in Spanien die Almoraviden zur Macht und beseitigten alle Kleinkönigreiche. Almoravidische Statthalter verwalteten ab 1115 die Balearen. Pisa und die Grafschaft Barcelona hatten kurz zuvor Mallorca erobern wollen. Graf Ramon Berenguer III. von Barcelona besetzte 1114/15 Palma und Ibiza und befreite christliche Sklaven. Doch brach Berenguer seine Unternehmung ab, als Mauren Katalonien angriffen.

Rasch verfiel die Herrschaft der Almoraviden; neue Kleinkönigreiche etablierten sich. Der Statthalter von Mallorca, Mohammed ibn Ghaniya, nutzte diese Situation und proklamierte 1127 ein unabhängiges Mallorca. In Andalusien ergriff 1148 die Berber-Dynastie der Almohaden die Macht.

Ghaniyas Nachfolger arrangierte sich mit italienischen Seestädten. Italienische, französische und katalanische Kaufleute ließen sich in Palma nieder, wo Muslime mit Edelmetall aus der Sahara handelten.

Der römisch/deutsche Kaiser Friedrich I. Barbarossa soll 1162 die Eroberung Mallorcas geplant haben. Fast 20 Jahre später gelang es dem normannischen König Wilhelm II. nicht, die Balearen zu unterwerfen. Wie andere mittelmeerische Inseln stand auch Mallorca ständig im Fadenkreuz der Mächte.

Lange widersetzten sich mallorquinische Statthalter den Almohaden. Erst seit 1203 beherrschten sie die Insel. Bis zur christlichen Eroberung Mallorcas 1229 regierten Statthalter der neuen Dynastie. Aber auch einer von ihnen beanspruchte 1224 für Mallorca die Unabhängigkeit. Weitere schwere Kämpfe folgten - wem sollte die Insel gehören?

9. Die Rückeroberung

In Spanien wurden die Muslime 1212 bei Las Navas de Tolosa entscheidend geschlagen. Der König von Aragon, Jaume (Jakob) I., proklamierte Ende 1228 einen Kreuzzug, durch den er Mallorca zurückerobern wollte.

Jaume gewährte pisanischen und genuesischen Kaufleuten Handelsprivilegien für das künftige christliche Mallorca. So konnte er Genua und Pisa motivieren, Aragons Eroberung der Insel hinzunehmen, die auch deshalb gelang, weil Mallorcas almohadischer Statthalter Abu Yahya verhasst und isoliert war. Juden, die auf Mallorca lebten, unterstützten den aragonesischen König.

1229 schritt Jaume zur Tat. Eine Flotte von 155 Schiffen mit etwa 14 000 Mann, größtenteils Katalanen, stand dem 21-jährigen König zur Verfügung. Auch einige deutsche und italienische Söldner waren beteiligt. Im September 1229 fuhren die Schiffe von Katalonien aus in die Bucht von Pollensa, segelten aber wegen schlechten Wetters weiter zum Südwesten der Insel. Bei Santa Ponca gingen Jaumes Truppen ungehindert an Land.

Am 12. September kam es bei Sa Porassa zur Schlacht; die Muslime zogen sich zurück. Der Großteil der Araber unter Abu Yahya verschanzte sich in Medina Mayurka (Palma), das die Christen am letzten Tag des Jahres 1229 befreiten. Dabei sollen 20 000 Muslime und Christen ihr Leben verloren haben.

Der Kampf um Mallorca war entschieden. Ein Teil der Muslime setzte sich in das östliche Tramuntana-Gebirge ab und kapitulierte erst 1231/32. Andere verteidigten sich in den großen saalartigen Höhlen von Arta. Heute gehören sie zu den touristischen Attraktionen der Insel.

Jaume I., damals bereits König von Aragon, Graf von Barcelona, Fürst von Montpellier, ließ sich am Neujahrstag 1230 in der Hauptmoschee von Palma zum König von Mallorca ausrufen. Noch immer erfreut sich Jaume großer Beliebtheit bei den Mallorquinern.

Die Hälfte des mallorquinischen Bodens fiel an den König, der jenen Adeligen, die an der Eroberung teilgenommen hatten, Grund und Boden als königliches Lehen verlieh, ebenso Templer, Johanniter, Kirche und Kaufleute mit Land bedachte, denn sie hatten das Unternehmen wesentlich finanziert.

Der königliche Landanteil verlief quer über die Insel; dazu gehörten Palma, Inca, Montueri, Pollensa. Freie Pächter bewirtschafteten den Boden; im Nordosten der Insel gab es noch islamische Bauern. Ibiza wurde 1234/35 und Menorca 1287 von der islamischen Herrschaft losgelöst.

Genua und Pisa durften wie versprochen Handelsniederlassungen gründen. Ein neuer Kodex regelte gemäß dem katalanischen Recht Bodennutzung, Justizwesen, Salzgewinnung, Mühlenwirtschaft und Fischerei. Medina Mayurka wurde in Ciudad de Mallorca umbenannt.

Die Balearen bildeten nun einen Teil des Konglomerats der Krone von Aragon und orientierten sich an der Verfassung der Grafschaft Katalonien. Der Statthalter, welcher eine hierarchische Verwaltung leitete, beaufsichtigte ebenso die Rechtsprechung. Ihm unterstanden Landvögte, Marktkontrolleure, Verwalter der Festungen, Wasseraufseher.

In den Städten ließ Jaume Kaufleute und Patrizier regieren, um ein Kontragewicht gegen den Adel zu schaffen. Adelige, Patrizier, Kaufleute und Handwerker saßen in Mallorcas Ratsversammlung. Die katalanische Münze war Zahlungsmittel.

Aufgrund zahlreicher steuerlicher Privilegien blieben die Einnahmen, die Jaume I. aus Mallorca abschöpfte, sehr begrenzt. Aber die geostrategische Lage der Insel erleichterte die Kontrolle des westlichen Mittelmeers. Christliche Kaperfahrer erbeuteten tausende Muslime und verkauften sie auf Palmas Sklavenmarkt. Etwa 8000 muslimische Sklaven sollen in der Mitte des 13. Jahrhunderts auf Mallorca gelebt haben.

10. Wechselvolle Zeiten: Jaume II.

Jaume I. betrachtete die Königreiche von Aragon und Mallorca als gleichberechtigt. Testamentarisch verteilte er sie 1272 unter seine beiden Söhne. Dem älteren Pedro wurden Aragon, Katalonien und Valencia zugesprochen, Jaume sollte die Balearen sowie mehrere Graf- und Herrschaften in Katalonien und Südfrankreich übernehmen. Das dynastische Erb- und Teilungsprinzip stellte ein Grundfaktum des europäischen Mittelalters dar.

Nachdem Jaume I. 1276 gestorben war, wurde Jaume II. in Palma zum neuen König gekrönt. Mallorca war in der katalanischen Ständeversammlung („Cortes“) vertreten. Eigene Cortes, die eine balearische Identität hätten stiften können, fehlten dem Königreich.

Pedro III. wollte auch Mallorca beherrschen und zerstritt sich mit Jaume. Ein unabhängiges Königreich Mallorca lehnte Pedro ab; er hielt es für zu klein und kaum lebensfähig. Pedro zwang Jaume II. 1279 unter die Lehnshoheit Aragons und verpflichtete ihn, persönlich an der Ständeversammlung Kataloniens teilzunehmen. Mallorca war von Aragon und Katalonien abhängig; seine staatsrechtliche Position blieb ungeklärt.

Der diplomatisch unkluge Jaume II. vermochte das zersplitterte Königreich Mallorca nicht zu konsolidieren. Hauptsächlich residierte er in Perpignan.

Pedro annektierte 1282 Sizilien und hatte daraufhin gegen den französischen König Philipp III. zu kämpfen, der sich mit Jaume II. verbündete. Darin sah Pedro eine Verletzung der Lehnspflichten des mallorquinischen Königs und besetzte Perpignan. Ende 1285 starb Pedro. Sein Nachfolger Alfons III. hatte noch kurz vor Pedros Tod das Königreich Mallorca okkupiert. Die

Kommandanten der mallorquinischen Festung von Alaro, Guillem Cabrit und Guillem Bassa, ließ Alfons hinrichten. Befürworter eines unabhängigen Mallorca verehren diese beiden als Heldenfiguren.

Nun war Mallorca unmittelbar ein Teil des Königreichs Aragon. Alfons III. starb 1291. Sein Bruder Jaume II., nicht zu verwechseln mit Jaume II. von Mallorca, trat die Nachfolge im Königreich Aragon an, musste jedoch auf Geheiß des Papstes Bonifaz VIII. laut dem Vertrag von Anagni (1295) Mallorca Jaume II. zurückgeben, konnte aber die 1279 eingeführte Lehnshoheit wiederherstellen. Bonifaz erstrebte ein selbständiges Mallorca, denn er fürchtete Aragons Macht. Freilich vergingen noch drei Jahre, ehe Mallorca 1298 in die relative Unabhängigkeit entlassen wurde.

Sobald Jaume II. wieder auf dem Thron saß, förderte er Landwirtschaft und Handel. Mehr noch ging er als Bauherr in die Annalen ein. Die maurische Festung Almudaina wurde teilweise abgerissen und an gleicher Stelle ein Königspalast gebaut. Auch ließ Jaume oberhalb Palmas die Burg Bellver errichten. Dem König waren ebenfalls die Kastelle in Manacor, Sineu, Valdemossa, Capdepera und San Telm zu verdanken. Das zentral gelegene Sineu, durch eine Römerstraße mit Palma und Alcudia verbunden, erhob Jaume II. 1309 zum Königssitz und lebte bei sommerlicher Hitze gern in Valdemossa.

1306 begann in Palma der Bau der Kathedrale - das Wahrzeichen der Königsmacht. Eine Moschee musste der Kathedrale weichen, die 1587 vorläufig und erst anfangs des 20. Jahrhunderts endgültig fertiggestellt war. Jaume verstärkte die Stadtbefestigungen von Palma und Alcudia. In einer 1300 geschaffenen Münzstätte wurde eigenes mallorquinisches Geld geprägt. An Siedlungswillige vergab der König gegen Zahlung eines Pachtzinses Land und Baumaterial.

Der bekannteste mallorquinische Gelehrte, Ramon Llull, lebte in der Regierungszeit Jaumes II. Geboren 1233 auf Mallorca, trat Llull dem Franziskanerorden bei, verfasste hunderte philosophische und naturkundliche Werke. Llull gründete 1276 bei Valldemossa eine Schule für orientalische Sprachen, welche die Bekehrung von Moslems vorbereiten sollte. Bei einer Missionsreise in Nordafrika starb Llull 1315 eines gewaltsamen Todes. In der Basilika San Francisko in Palma wurde er bestattet.

11. Die letzten Jahre des unabhängigen Königreichs Mallorca

Mallorca hatte 1295/98 erneut eine begrenzte Unabhängigkeit erlangt. Die Insel blieb lehnsabhängig und musste Aragons Außenpolitik unterstützen. Jaumes II. wichtigster Regierungssitz lag weiterhin in Perpignan.

Statthalter leiteten Mallorcas nunmehr in 15 Bezirke gegliederte Verwaltung. Seit 1249 existierte der Stadt- und Inselrat von Palma („Universitat“), dem ein Adeliger, vier Patrizier sowie ein Handwerker angehörten, welche die Bevölkerung mit Getreide versorgten und den Weinimport regulierten. Bürgermeister und Stadträte verwalteten die größeren Orte.

1311 bestieg Sancho, ein Sohn Jaumes II., den Königsthron. Die Lehnshoheit Jaumes II. von Aragon akzeptierte er und leistete ihm militärischen Beistand wider Genua.

Sancho bestimmte seinen Neffen Jaume zum Nachfolger, der 1324 im Alter von zehn Jahren als Jaume III. die Herrschaft antrat. Zunächst regierte Jaumes Onkel und Vormund Felipe; die komplizierten Verhältnisse der Regentschaft schwächten das mallorquinische Königtum. Der mündig gewordene Jaume III. engagierte sich für Mallorcas Seehandel. Rund 350 mallorquinische Schiffe kreuzten über das Meer.

Jaume II. von Aragon hatte die Thronerhebung Jaumes III. abgelehnt. Frankreich, Neapel und der Papst wollten jedoch Aragons Macht einschränken. Daher verhinderten sie, dass Jaume II. Mallorca okkupierte. 1325 anerkannte zwar Jaume II. das Königtum Jaumes III., der aber 1336 Constanza heiratete, eine Schwester des aragonesischen Thronfolgers Pedro IV. Unfreiwillig begünstigte Jaume somit Pedros Ambitionen auf Mallorca.

12. Das Ende der Eigenständigkeit

Pedro IV. „der Zeremoniöse“ gedachte das Königreich Mallorca zu erobern. Im Hundertjährigen Krieg war Jaume III. mit England verbündet und stieß daher Frankreich, das ihn früher unterstützt hatte, vor den Kopf. Geschickt nutzte der aragonesische König die neue Situation. Jaume weigerte sich, Pedro IV. den Lehnseid zu leisten, woraufhin ihm dieser im Februar 1343 das Herrschaftsrecht über Mallorca entzog. Gleichzeitig versprach Pedro den mallorquinischen Kaufleuten und Patriziern, ihre Geschäfte zu fördern.

Mit 116 Schiffen segelte Pedro IV. 1343 nach Mallorca und besetzte die Insel fast kampflos. Am 22. Juni des gleichen Jahres ließ er sich in Palmas Kathedrale krönen und vollzog hierdurch die Vereinigung Mallorcas mit den Besitzungen der Krone von Aragon. Etwa zwei Monate später streckten die letzten Anhänger Jaumes III. die Waffen.

Größtenteils nahmen die Einheimischen diesen Wandel hin, der ihr Leben vorläufig kaum veränderte, zumal der neue König der gleichen Dynastie angehörte wie der alte. Auch Menorca und Ibiza fielen an Pedro. Die Grafschaften um Perpignan kamen ebenfalls unter die aragonesische Krone und wurden Katalonien zugeschlagen.

Jaume verblieb nur das kleine Herrschaftsgebiet Montpellier, das er dem französischen König Philipp VI. verkaufte, um Geld für Soldaten zu erhalten, die Mallorca zurückerobern sollten. Anfang Oktober 1349 landete Jaume mit 3000 Infanteristen und 400 Reitern bei Pollensa. Vom Festland herbeigeeilte Truppen Pedros bereiteten ihm jedoch bei Llucmayor eine völlige Niederlage. Jaume, den die Mallorquiner nicht unterstützt hatten, starb in der Schlacht. Neben Jaume II. liegt er in Palmas Kathedrale begraben.

Jaumes Frau und seine beiden Kinder, darunter der elfjährige Jaume (IV.), ließ Pedro zunächst im Kastell Bellver einkerkern und dann nach Barcelona verschleppen. Jaume lebte 13 Jahre lang in einem Käfig, bevor ihm 1362 die Flucht gelang und er die Königin Johanna von Neapel heiratete, die Jaume bei der Rückeroberung Mallorcas beistehen sollte. Doch sein Plan, Mallorca zurückzugewinnen, scheiterte. 1375 starb er - möglicherweise durch Giftmord.

Nun beanspruchte Jaumes Schwester Isebel das Königreich Mallorca, obwohl Jaume I. Frauen von der Thronfolge ausgeschlossen hatte. Ihre vermeintlichen Rechte trat Isebel an Ludwig I. von Anjou ab, der sich ebenfalls nicht durchsetzte. Jaume I. hatte nur seinen direkten Nachkommen ein Erbrecht gewährt.

De facto endete 1343 die Unabhängigkeit des Königreichs Mallorca. Souverän war Mallorca zwischen 1229 und 1343 freilich nie gewesen. Eigene Cortes gab es nicht, das Sonderbewusstsein der Mallorquiner hielt sich in Grenzen. Letztlich war das Königreich viel zu schwach, zersplittert und wirtschaftlich abhängig. Es konnte nicht dauerhaft etabliert werden, behielt jedoch bis 1715 seine tradierte Rechtsordnung.

Von jetzt an galten die Balearen als Unterkönigreich des Hauses Aragon und seit 1479 ganz Spaniens. Mallorca gewann Stabilität und Schutz, musste aber auch große Belastungen tragen. Ohne die Jahre der Unabhängigkeit gäbe es heute schwerlich eine balearische Autonomie.

13. Mallorca im späten Mittelalter

Vizekönige regierten die Balearen als Stellvertreter des Monarchen. 140 Bürger vertraten Mallorca im „Großen Generalrat“ der Obrigkeit gegenüber. Die Zahl der Adeligen, Händler, Juristen und Handwerker, die den Generalrat bildeten, sank im Laufe der Zeit. Meistens stammten sie aus Palma und widmeten sich am intensivsten der Steuererhebung. Ihre Gesetzesanträge genehmigte oder verwarf der König. Handelsherren und Kaufleute der Universitat, ebenso ranghohe Kleriker, repräsentierten Mallorca in den Cortes von Katalonien.

Die neue Zeit brachte den Mallorquinern beträchtliche Schwierigkeiten. Pedros IV. Kämpfe um Sardinien und gegen Kastilien mussten sie mit Soldaten und Geld unterstützen. 1398 stellte Mallorca mehrere Galeeren zur Verfügung, welche an einer gescheiterten Attacke gegen Muslime in Nordafrika teilnahmen. Aragons Expansionspolitik überdehnte alle seine Kräfte und verursachte ökonomische Probleme.

Knapp 50 Jahre zuvor hatte die Pest auf Mallorca gewütet; dabei starben 70% der 65 000 Einwohner. Bauern und Handwerker rebellierten 1391 wegen steuerlicher Belastungen gegen adelige Landbesitzer und Handelsherren. Pedros Nachfolger, König Juan (Johann) I., der auf der Insel verhasst war, weil ihn die Nöte der Einwohner nicht interessierten, besiegte die Aufständischen.

Da zu wenige Christen auf Mallorca lebten, sank der Bevölkerungsanteil der Muslime vorerst langsam. Sie erhielten Selbstverwaltung, eigene Justiz und zahlten eine Kopfsteuer. Entweder wurden die Mauren assimiliert oder sie verließen die Insel.

In Altertum und Mittelalter lebten auf Mallorca zahlreiche Sklaven. Rund 10% der mallorquinischen Bevölkerung sollen 1400 dem Sklavenstand angehört haben. Meistens waren sie muslimischer Herkunft und arbeiteten hauptsächlich in der Landwirtschaft. Man befürchtete, dass sie islamische Korsaren unterstützen könnten und verminderte ihre Zahl.

1229 hatte auf Mallorca die Herrschaft der katholischen Kirche begonnen. Die Insel wurde in Pfarreien eingeteilt. Stiftungen und Schenkungen vergrößerten den enormen Einfluss der Kleriker. Mehrere Orden, vor allem Dominikaner und Franziskaner, errichteten Klosteranlagen, widmeten sich der schulischen und religiösen Erziehung ebenso wie der Armen- und Krankenversorgung. Lluc bei Escorca avancierte etwa 1240 aufgrund der vermeintlichen Entdeckung einer Marienfigur zum Kultort der Marienverehrung. 1492 wurde Mallorca der Erzdiözese von Valencia hinzugefügt. Nur selten weilte ein für Mallorca zuständiger Bischof auf der Insel; meistens residierten hier Generalvikare.

Bereits Ramon Llull, der die mallorquinischen Juden zu missionieren hoffte, hatte sie unter Druck gesetzt. In Spanien geschahen 1391 antijüdische Pogrome; auf Mallorca wurden mehr als 300 Juden ermordet. Wegen Abwanderung verschwanden zahlreiche jüdische Gemeinden der Insel. Beide Synagogen Palmas wurden 1414 in katholische Kirchen umgewandelt. Für lange Zeit erlosch das jüdische Leben auf Mallorca.

14. Der Ausgang des Mittelalters

Während des Hochmittelalters erblühten die Balearen in Handel und Gewerbe. Es gab 85 Zünfte, die bis 1836 existierten. Auch Wissenschaft und Kultur erlebten einen Aufschwung. Mallorca nutzte seine geostrategische Lage und handelte mit englischer Wolle, Fellen und orientalischen Farbstoffen. Schließlich verdrängten französische und italienische Kaufleute Mallorca vom Handel mit England.

Die Mallorquiner waren hervorragende Seeleute, verstanden sich auf Schiffbau und Kartographie. Der König verlieh manchen Kapitänen sogenannte Kaperbriefe, die sie zu `legalen` Piraten machten. Im Spätmittelalter beteiligten sich Mallorquiner an der Eroberung der Kanarischen Inseln.

Mallorca unterhielt ebenfalls Handelskontakte mit italienischen und französischen Städten. Es bestanden aber auch massive Rivalitäten. 1332 plünderten Genuesen mallorquinische Ortschaften. Der Anbau von Getreide und Wein, Oliven und Feigen, die Wollverarbeitung, Fischerei und Handwerk, stellten weitere Zweige der mallorquinischen Wirtschaft dar.

In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts wurde nahe dem Hafen von Palma die Seehandelsbörse (La Llotja) im Stil der Gotik erbaut. Sie repräsentierte bis in die 1830er-Jahre die Bedeutung Mallorcas als Handelsstadt und beherbergt heute Kunstausstellungen. Französische, italienische und katalanische Stilelemente, welch letztere immer stärker hervortraten, beeinflussten Mallorcas Architektur.

Das Königreich Mallorca blieb defizitär. Um seine Kasse zu füllen, wollte Alfons V. bäuerliche Ländereien beschlagnahmen. Bauern und Handwerker, die 1451/53 rebellierten und zeitweise Palma belagerten, ließ Alfons brutal unterdrücken.

Von 1462 bis 1472 kämpften die katalanischen Stände für ihre Eigenständigkeit gegen Aragons König Juan II. Mallorca unterstützte den siegreichen Juan, aber Menorca begünstigte die Aufständischen. Der kostspielige Bürgerkrieg verschärfte die wirtschaftliche Zerrüttung der Balearen.

1483 wurde auf Mallorca eine Universität gegründet, welche die Lehren Ramon Llulls verbreiten sollte. Außer Philosophie und Theologie unterrichtete man medizinische Fächer und Pharmazie. Der Lehrbetrieb endete 1829; die Universität wurde 1951 in Palma neu gegründet.

15. Frühe Neuzeit

15.1 Die habsburgische Ära

Der letzte König des Hauses Aragon, Martin I., starb 1410. Sein Nachfolger wurde 1412 der kastilische Prinz Fernando (Ferdinand) I. von Trastamara, Bruder des kastilischen Königs Pedro IV. Mallorca begrüßte die Thronbesteigung Fernandos, mit der sich die Vereinigung Spaniens unter einer Krone anbahnte. Fernandos Nachfolger Alfons V. verließ allerdings die italienischen Besitzungen Aragons nicht. Ihm folgte 1458 als neuer König sein Bruder Juan II.

Ein Sohn Juans II., Fernando der Katholische, und Isabella von Kastilien vereinigten 1479 Aragon und Kastilien, das den nun begründeten spanischen Nationalstaat dominierte. Im Laufe des 16. Jahrhunderts verlagerte Spanien seinen wirtschaftlichen Schwerpunkt auf die amerika-nischen Kolonien und den Atlantikhandel. Aragon, Katalonien und Mallorca verloren an Bedeutung.

Statt produktiv zu investieren, zogen es die meisten spanischen Eliten vor, Grundeigentum oder Paläste zu erwerben. 800 Jahre Reconquista hatten Spaniens Volksseele geformt und ihr den Geist der Eroberung, Herrschsucht, Ausbeutung und Inquisition tief eingebrannt. Das auf tönernen Füßen blutig errichtete spanische Kolonialreich ruinierte die Wirtschaft des Landes endgültig.

Während der frühen Neuzeit plünderten Seeräuber der Barbareskenstaaten wiederholt Mallorca. Sie verschleppten zahlreiche Mallorquiner in grausame Sklaverei. Schwer belasteten die zur Abwehr der Korsaren erforderlichen Ausgaben die leidgeprüften Inselbewohner. 1518 machte der berüchtigte Pirat Chaireddin, genannt Barbarossa, Algier zu seinem Hauptstützpunkt.

1535 und 1541 besuchte Karl I., gleichzeitig Kaiser Karl V., Mallorca und begann von hier aus Seekriegszüge gegen die Korsaren. Karl bezwang die Barbaresken 1535 auch dank mallorquinischer Soldaten. Die Expedition von 1541, die Algier zerstören sollte, misslang jedoch.

Korsaren attackierten mehrfach Mallorcas Westküste und besonders Andratx. Auch plünderten sie Pollensa, Alcudia, Soller, Valldemossa, Santany. Berühmtheit erlangten die siegreich abgewehrten Angriffe auf Pollensa (1550) und Soller (1561). Nahe Soller mussten die Piraten eine schwere Niederlage hinnehmen.

Balearische Kämpfer beteiligten sich an dem großen Sieg über die türkische Flotte bei Lepanto 1571. Danach ging die Piratengefahr zurück.

Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts bauten die Mallorquiner entlang der Küste 85 Piraten-Wachtürme. Etwa 50 dieser „Türkentürme“ sind heute noch erhalten. Manche waren mit Kanonen bestückt; die Turmbesatzungen kommunizierten durch Rauch und Feuer. Auch verstärkte man die Wehrmauern von Palma und Alcudia und verlegte Städte von der Küste ins Binnenland. Hafen und städtisches Siedlungsgebiet liegen daher manchmal auseinander. 1775 fand der letzte verbürgte Piratenangriff auf Mallorca statt, der drei Fischerbooten galt. Seit etwa 1800, dank des Abflauens der Seeräubergefahr, wurden etliche der heutigen Küstenorte erbaut.

Dem Terror der spanischen Inquisition entging Mallorca nicht. Erstmals wurden hier 1490 „Ketzer“ verbrannt. In die Fänge der Häscher gerieten vor allem zum Christentum konvertierte Juden. Im Kloster der Dominikaner zu Palma residierte die Inquisitionsbehörde. Furchtbar wüteten mallorquinische Inquisitoren 1691, als sie 37 Juden öffentlich verbrennen ließen. Ein Jesuit, Francisco Gerau, war dafür mitverantwortlich. Wieder verließen fast alle Juden die Insel. Generell kontrollierte die erst 1820 beendete Inquisition das Leben aller Untertanen.

Bauern und Handwerker hatten 1521 auf Mallorca wie vielerorts in Spanien revoltiert. Die Unzufriedenen verlangten, Adel und Klerus zu besteuern, doch Truppen der Obrigkeit zerschlugen den Aufruhr. Im 17. Jahrhundert, einer Zeit wirtschaftlichen Elends, plagten Mallorca neue innere Krisen. Räuberbanden terrorisierten das Volk, Sippen- und Familienfehden bedrohten die öffentliche Sicherheit. Wer nachts in Palma sein Haus verließ, riskierte Leib und Leben.

Wegen der unsinnigen Religions- und anderen Kriege, die das erzkatholische Spanien führte, wuchs die Verarmung. Gold und Silber, aus amerikanischen Kolonien herbeigeströmt, flossen in ausländische Handels- und Bankhäuser, mit deren Geld das Land seine Armeen finanzierte. Inflation und Preissteigerungen erforderten eine immer höhere Besteuerung der produktiven Schichten. Allein während des 17. Jahrhunderts ging der Staat viermal bankrott. Oft kämpften mallorquinische Soldaten fern der Heimat; die Piratenabwehr und das Wirtschaftsleben der Insel litten darunter.

In jener frühneuzeitlichen Epoche betätigte sich Mallorca als Umschlagplatz für Handelsgüter und Schmuggelwaren. Es gab Textilmanufakturen zur Verarbeitung von Wolle; in Soller wurden Seidenraupen gezüchtet. Etwa 73 000 Menschen lebten 1590 auf Mallorca, davon fast die Hälfte in Palma. Die Zahl der Einwohner stieg, wenn auch unterbrochen durch Seuchen und Hungersnöte.

1613 und 1635 verheerten Flutkatastrophen die Gegend um San Telm. Jahrzehnte später verursachten Dürrezeiten eine Hungerkatastrophe. Als die Pest 1652 Mallorca erneut in den Griff nahm, starben rund 20 000 Menschen.

15.2 Die Bourbonen und die Anfänge der Aufklärung

Im Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) kämpfte das Haus Habsburg gegen die französischen Bourbonen um die Thronfolge in Spanien. Mallorcas Adel und Stadtbürgertum unterstützten Österreich; sie fürchteten den französischen Zentralismus. Mehrheitlich verlangten die Mallorquiner ein föderal strukturiertes Spanien. Aber Jesuiten und Dominikaner der Insel bevorzugten den am Ende erfolgreichen Bourbonen Philipp.

Philipps V. Truppen besetzten 1715 die widerspenstige Insel. Noch im gleichen Jahr verlor Mallorca sein im Mittelalter verwurzeltes Rechtssystem; es wurde durch kastilisches Verwaltungsrecht ersetzt. Lediglich das Privatrecht blieb erhalten. Künftig existierte das Königreich Mallorca nur als Titulatur und Verwaltungseinheit schattenhaft bis zur Reform von 1833. Aragon, Katalonien und Valencia traf das gleiche Schicksal. Unter dem Zepter des Absolutismus spielten die Cortes kaum noch eine Rolle.

Der neue König regierte zentralistisch und organisierte ein effektives Steuersystem. Mallorca erbrachte nun größere Steuerleistungen. Statt der Vizekönige herrschten Generalkapitäne, die Zivil- und Militärgewalt vereinigten. Der Große Generalrat wurde abgeschafft; in den mallorquinischen Städten regierten vom König ernannte Räte. Katalanisch galt als Amtssprache. Immer noch behauptete die Kirche ihre fatale Macht und zog Steuern in Form von Getreide ein.

Ständig musste Mallorca Soldaten zu ausländischen Kriegsschauplätzen entsenden. Wer dem Gestellungsbefehl nicht folgte, wurde solange im Schloss Bellver eingesperrt, bis man ihn zum Einsatzort abtransportierte. Mallorquinische Adelige, die unter den Bourbonen wenig zu sagen hatten, lebten auf ihren Landsitzen wie im Exil.

Während des Erbfolgekrieges hatten die Briten Menorca und Gibraltar erobert. (Erst 1802 erhielt Spanien Menorca zurück). Großbritannien beherrschte das Mittelmeer. Mallorca unterhielt Truppen, die eine britische Invasion verhindern sollten. Außerdem dezimierten Hungersnöte und eine Pestepidemie unter Fernando VI. die Bevölkerung. In Palma lebten 1750 etwa 5000 Bettler. Negativ war die mallorquinische Handelsbilanz des 18. Jahrhunderts; exportiert wurden Olivenöl, Wein, Baumwolle, Stoffe und Textilien.

In der Ära Karls III. zog auch in Spanien der Geist der Aufklärung und Wissenschaft ein. Karl verwies 1767 alle Jesuiten des Landes. Mallorca besaß drei Jesuiten-Kollegs; an der Universität dozierten jesuitische Professoren. Künftig sollten weltliche Lehrkräfte die naturwissenschaftlichen Fächer unterrichten. Dann wurde 1777 auf Mallorca die private Vereinigung „Sociedad Economica Mallorquina de Amigos del Pais“ gegründet. Sie erstellte Programme zur Modernisierung von Wissenschaft und Wirtschaft. Tatsächlich gelang es, die Produktivität des Agrarsektors spürbar zu erhöhen.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts arbeiteten die meisten der etwa 140 000 Mallorquiner in der Landwirtschaft. Neue Feldfrüchte wurden angebaut: Kartoffeln und Bohnen. Sehr oft exportierte man Olivenöl und Wein. Manufakturen entstanden in der Leinen- und Tuchindustrie, ebenso zur Herstellung von Seife und Glas. Auch gelang es, die Werftindustrie zu verbessern und auszubauen.

Trotz mannigfacher Anstrengungen konnte Spanien den Rückstand zu Westeuropa nicht wettmachen. Letztlich blieben die Reformen zu inkonsequent. Spanien war ein Land mit stark gedrosselter Modernisierung. Die im Bildungswesen geschwächte mallorquinische Kirche blieb mit 42 Ordensniederlassungen und 54 Pfarreien weiterhin machtvoll. Ein mallorquinischer Missionar, Junipero Sera, gründete in Kalifornien San Franzisko und Los Angeles.

16. Krisen und Kriege das 19. Jahrhundert

16.1. Fortschritt und Reaktion die gebremste Modernisierung

Während der napoleonischen Kriege hatte Mallorca sehr zu leiden, wurde aber nie französisch besetzt. Das politisch desorientierte Spanien kämpfte abwechselnd für und gegen Frankreich oder blieb neutral. Die Abhängigkeit vom Nachbarstaat wurde größer. An fast allen Kriegen der Zeit nahmen Mallorquiner teil; große wirtschaftliche Probleme bedrückten die Inselbewohner. Aufgrund der englischen Blockade brach der Atlantikhandel zusammen.

Als Spanien 1808 bis 1814 die französische Invasion bekämpfte, revoltierten auch Mallorquiner gegen die Fremdherrschaft. Lokale Komitees („Juntas“) regierten im Namen Fernandos VII. Häufig vertraten sie restaurative, klerikal-antiaufklärerische Sichtweisen. Tausende Mallorquiner unterstützten auf dem Festland Spaniens Unabhängigkeitskampf. Einige zehntausend Spanier, vor allem Kleriker, emigrierten umgekehrt nach Mallorca.

Auf Cabrera internierten die Spanier etwa 9000 französische Kriegsgefangene; wegen Krankheit und Hunger starben fast zwei Drittel dieser Unglücklichen.

In Cadiz erhielt Spanien 1812 eine liberal-demokratische und zentralistisch orientierte Verfassung. Mallorquinische Abgeordnete waren daran beteiligt. Jetzt herrschten nicht mehr Generalkapitäne auf Mallorca. Stattdessen trennte man Militär- und Zivilverwaltung; es regierten jeweils ein Zivilgouverneur, zugleich Vorsitzender des Deputiertenrates, und ein Militärgouverneur.

Liberale und Konservative wetteiferten um die Gestaltung der spanischen Zukunft. Weltliche und klerikale Großgrundbesitzer, die ihre Ländereien oft nicht bewirtschafteten, stießen auf massive Kritik. Fernando VII. schaffte die Verfassung von Cadiz bereits 1814 wieder ab. Staatliche Repression ergriff auch Mallorca. Provinzdeputationen wurden beseitigt, die frühere Behördenorganisation kehrte zurück. Nach der Wiedereinführung der Verfassung 1820 rebellierten viele Spanier und Mallorquiner 1822 gegen Fernando, der den französischen König Ludwig XVIII. um Hilfe bat, dessen Truppen 1823 die Volkserhebung niederwarfen.

Spanien erlebte nun ein ständiges Hin und Her von relativer Modernisierung und reaktionären Gegenschlägen. Staatsstreiche des Militärs gaben den Ausschlag. Hinzu kam ein bürgerkriegsartiger Thronstreit, den die Anhänger der Königin Isabella II. gegen den ultrakonservativen Don Carlos führten (Karlistenkriege). Mallorquinische Anhänger Karls proklamierten ihn 1835 in Manacor vergeblich zum König Spaniens.

Weiterhin verharrte die politische und soziale Modernisierung des Landes innerhalb enger Grenzen. Bis zum Bürgerkrieg sollte diese instabile Situation andauern. Herrschende Gruppen in Staat, Wirtschaft und Kirche trugen daran die Hauptverantwortung. Noch 1861 konnten auf Mallorca 93% der Frauen und 75% der Männer weder lesen noch schreiben. Auch das fest in die spanische Geschichte eingebundene Mallorca erlebte die Pendelausschläge reaktionär/klerikaler Politik und zeitweiser Liberalisierung.

Aufgrund der Verwaltungsreform von 1833 lösten in Spanien 49 Provinzen die nominellen Königreiche ab. Ein Gouverneur, vom Monarchen ernannt und durch das Innenministerium kontrolliert, stand jeweils an der Spitze einer Provinz, die man in Bezirke unterteilte. Mallorca gliederte sich in drei Bezirke: Palma, Inka und Manacor. Außerdem gab es einen für das Militärwesen zuständigen Generalkapitän. Die neue „Provinz Palma de Mallorca“ umfasste die Balearen. Rein formal wurden Spaniens Provinzen insgesamt 15 historische Regionen zugeordnet.

Die Auflösung der Zünfte 1836 liberalisierte Mallorcas Wirtschaft. Wie überall in Spanien enteignete man kirchliche Besitzungen („Desamortizacion“) und verkaufte sie an Private, um die Wirtschaftskraft zu steigern. In Palma wurde der einstige Sitz der Inquisition, das Dominikanerkloster, der Palast des Schreckens, abgerissen. Die Zahl der Einwohner Mallorcas betrug Mitte des 19. Jahrhunderts knapp 200 000; davon lebten etwa 50 000 in Palma. Den Mallorquinern ging es wirtschaftlich besser; sie handelten mit überseeischen Ländern und verkauften agrarische Produkte, Tücher und Schuhe.

Als das Militär 1868 Isabella II. stürzte, wurde das Rathaus von Palma gestürmt und erfolglos die Republik ausgerufen. Die liberal-konstitutionelle Verfassung von 1869 erlaubte es, Bürgermeister zu wählen. In Spanien gab es 1873/74 eine kurzlebige Republik, die vom Militär beseitigt wurde. Als Anhänger der Republik auf Mallorca dagegen protestierten, verkündete der Generalkapitän Palanca den Kriegszustand. Diese Vorgänge beinhalteten unverkennbar Parallelen zu den 1930er-Jahren.

16.2. Industrialisierung, Aufschwung, Katastrophen

Mit der Krönung Alfons XII. 1874 begann die Ära der Restauration. Spanien wurde laut der Verfassung von 1876 konstitutionelle Monarchie; ein vom Militär abhängiger König regierte. Das gesamte Staatswesen war von Korruption und Günstlingswirtschaft durchdrungen; die Provinzen unterstanden einem autoritären Zentralismus. Alfons besuchte 1877 Mallorca, um dessen Verbundenheit mit Spanien zu stärken.

Das Industriezeitalter hatte begonnen. Seit etwa 1835 verkehrten regelmäßig Dampfschiffe zwischen Mallorca und Barcelona und erleichterten die Anfänge des Tourismus, der damals eine Sache weniger Privilegierter wie George Sand und Fredric Chopin war, die den Winter 1838/39 in Valldemossa verlebten.

Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts erhielt Mallorca ein Eisenbahnnetz. Kohlebergbau, Werft- und Baubranche, Textil- und Seifengewerbe wurden mechanisiert. Eine Arbeiterbewegung entstand, die Gewerkschaften und Zeitungen gründete, auch enge Kontakte zur Arbeiterschaft in Katalonien knüpfte. Fischfang und Viehzucht (Schafe, Ziegen, Schweine) spielten auf Mallorca eine sekundäre Rolle.

Die berühmteste mallorquinische Persönlichkeit jener Epoche war der 1847 geborene Erzherzog von Österreich-Toskana namens Ludwig Salvator. Erstmals besuchte er Mallorca 1867 und kaufte in den nächsten Jahren Landgüter zwischen Valldemossa und Deia. Der junge Herzog vergeudete sein Leben nicht an europäischen Höfen wie andere Hochgeborene. Stattdessen schrieb er eine mehrbändige landes- und naturkundliche Gesamtdarstellung der Balearen. Salvator pflegte Wissenschaft, Kunst und Natur; er bevorzugte einen schlichten Lebensstil.

Auf dem kleinen Schiff „Nixe“ bereiste Salvator, der ein Kapitänspatent erworben hatte, das Mittelmeer. Als er 1915 starb, erbte sein Sekretär Antonio Vives den mallorquinischen Besitz Salvators, dessen zum Museum ausgebaute Villa in Son Marroig zu besichtigen ist. Der Schauspieler Michael Douglas gründete in Valldemossa das kulturelle Zentrum „Costa Nord“. Hier erinnerte Douglas an Ludwig Salvator. Anfang des 20. Jahrhunderts ließen sich im benachbarten Bergdorf Deia die ersten Dichter und Künstler nieder.

Wie rückschrittlich Mallorca noch immer war, geht auch daraus hervor, dass nicht einheimische, sondern englische Ingenieure die Sümpfe von S`Albufera 1863 (teilweise) trockenlegten.

Im späten 19. Jahrhundert erreichte Mallorca einen bescheidenen Wohlstand. Dann traf eine jähe Doppelkatastrophe die Insel. Schädlinge zerstörten ab 1889 großenteils die Wein- und Orangenkultur der Insel. Neu angepflanzte Mandelbäume, die Mallorca derzeit charakterisieren, ersetzten die Weinreben nicht. Viele nun arbeitslose Mallorquiner emigrierten nach Katalonien, Westeuropa oder Südamerika. Der Verlust der letzten spanischen Kolonien 1898 stürzte Mallorcas Schiffbau und andere Gewerbe in eine tiefe Krise.

Obwohl Mallorca Eisen, Werkzeuge und Maschinen importierte, hunderte Handelsschiffe über die Meere entsandte, fehlten der schwach entwickelten Wirtschaft umfangreiche Investitionen. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden balearische Banken und Versicherungsgesellschaften gegründet. Zwei Drittel der Spanier waren Analphabeten. Bis etwa 1930 verließen mehr Menschen die Insel als einwanderten; erst die Tourismusblüte verkehrte diesen Trend ins Gegenteil.

Der auf Mallorca geborene konservative Politiker Antonio Maura wurde 1907 zum spanischen Ministerpräsidenten ernannt. Maura förderte die Eigenständigkeit der Gemeinden, unternahm jedoch nichts gegen die Fälschungen ländlicher Kommunalwahlen. In Spanien gab es seit 1890 ein allgemeines und gleiches Männerwahlrecht.

Traditionell war Mallorca politisch, wirtschaftlich und kulturell eng mit Katalonien verbunden. Die katalanische Regionalpartei unterstützte mallorquinische Autonomiewünsche. Während der 1920er-Jahre entstanden zwei Organisationen, die Autonomie für die Insel forderten: „Liberal Autonomic Mallorqui“ und „Assciacio per la Cultura de Mallorca“. Ihr Vordenker war Enric Prat de la Riba.

17. Republik und Bürgerkrieg

1923 putschte in Spanien General Primo de Rivera mit Zustimmung des Königs Alfons XIII. und nahm in mancher Hinsicht die Herrschaft Francos vorweg. Riveras Unterdrückungspolitik erfasste auch Mallorca. Parteien wurden verboten, missliebige Bürgermeister entlassen, die kommunale Selbstverwaltung abgeschafft. Jegliche Autonomie, wie sie Katalonien, das Baskenland und die Balearen forderten, lehnte das Regime ab. Letztlich vermochte sich die Diktatur, auch wenn sie das Gesundheitssystem und den Wohnungsbau verbesserte, nicht zu konsolidieren.

Anfang 1930 trat Primo de Rivera zurück. Die demokratische Opposition erzwang 1931 die Abdankung Alfons XIII. und rief im April des gleichen Jahres die Republik aus, mit der viele Spanier die Hoffnung verknüpften, dass eine soziale Umwälzung erfolgen werde und regionale Autonomie zu erreichen sei.

Bei den nationalen Parlamentswahlen im Juni 1931 siegte die sozialistische Partei PSOE. Auf Mallorca erhielten rechtskonservative Parteien eine Mehrheit. Überwiegend bekämpften Spaniens privilegierte Schichten das republikanische System.

Die demokratische Verfassung vom Dezember 1931 legte die Wahl eines Bürgermeisters durch die jeweilige Gemeinde fest. Wollte eine Provinz autonome Region werden, so musste sie ein entsprechendes Statut ausarbeiten, ihren Bürgern zur Abstimmung vorlegen und von den Cortes genehmigen lassen. Das für die Balearen geplante Autonomiekonzept fand in Madrid kein Gehör.

Staat und Kirche wurden getrennt, das Schulsystem aus dem Griff der Kirche befreit. Die angestrebten Landreformen trafen auf den Widerstand der Grundbesitzer, gegen die auch mallorquinische Bürger revoltierten. Die Republik litt an wirtschaftlicher Schwäche, ihre Anhänger waren zerstritten und reaktionär-klerikale Kräfte wollten ein autoritäres Regime herbeiführen.

Der `Pate` von Mallorca, Juan March y Ordinas, unterstützte die Republikfeinde. March, ein skrupelloser Spekulant und Bauunternehmer, hatte sein Finanzimperium durch Tabakschmuggel begründet und war einer der reichsten Männer der Welt. Auf Mallorca erwarb er Landbesitz und gründete die heute noch existente „Banca March“. Die mallorquinische Arbeiterschaft versuchte March zu korrumpieren, indem er ihr 1924 in Palma einen Versammlungspalast schenkte. March gehörte die Tageszeitung „El Dia“; er finanzierte den Putschgeneral Francisko Franco.

1933 gewannen Rechtskonservative und Republikfeinde die landesweiten Parlamentswahlen. Auf Mallorca erzielten sie wiederum überdurchschnittliche Erfolge. Massenstreiks gegen die Regierung erhoben sich im ganzen Land. Katalonien erklärte sich unter Lluis Companys für unabhängig; brutal wurde die katalanische Opposition niedergeschlagen. Noch schlimmer erging es 1934 asturischen Bergarbeitern. General Franco unterdrückte sie mittels grausamer militärischer Gewalt. 1933/34 war Franco Militärkommandeur der Balearen und kooperierte mit Juan March.

Bei den Wahlen vom Februar 1936 siegte die Volksfront; auf Mallorca jedoch behielt die von Juan March geförderte Rechte die Oberhand. Streiks der Industriearbeiter und spontane Landbesetzungen griffen um sich. Gefährlicher Militärs versuchte sich die republikanische Regierung zu entledigen, indem sie Franco auf die Kanaren und Manuel Goded nach Mallorca versetzte.

Am 17. Juli 1936 begann der Staatsstreich. Zwei Tage später besetzte auf Mallorca das Militär alle wichtigen Institutionen. Ohne Zögern trat die Mehrheit der Mallorquiner auf die Seite der Republikgegner. Nur vereinzelt gab es geringen Widerstand, in Soller, Manacor und Puerto Pollensa. Im Juli und August 1936 wurde Palma durch republikanische Flugzeuge angegriffen.

Die von Goded einberufene Inselregierung, welcher auch der Bürgermeister von Palma beitrat, funktionierte reibungslos. Das mallorquinische Metallgewerbe stellte für die Putschisten Kriegsmaterial her. Goded flog nach Katalonien und wurde dort im August 1936 hingerichtet. Ibiza schloss sich ebenfalls Franco an, während Menorca der Republik bis zuletzt treu blieb. Insgesamt fielen im Bürgerkrieg durch Erschießungen über 3000 Mallorquiner dem weißen Terror zum Opfer. Manche verließen fluchtartig die Insel.

Tausende republikanische Soldaten, die Kapitän Alberto Bayo kommandierte, landeten im August 1936 bei Sa Coma an der mallorquinischen Ostküste. Zwar eroberten sie einen schmalen Gebietsstreifen, unterlagen jedoch den franquistischen Streitkräften. Anarchistische Milizionäre gingen in Puerto Christo an Land und wurden nahezu aufgerieben.

Die „Schlacht um Mallorca“ dauerte etwa zwei Wochen. Höchst negativ machten sich die mangelnde Koordination und Führungsschwäche der Republikaner bemerkbar. Francos Soldaten verdankten ihren Erfolg wesentlich italienischen Kampfflugzeugen. Ibiza und Formentera, die republikanische Soldaten zwischenzeitlich befreit hatten, besetzten die Franquisten erneut.

Ohne deutsche und italienische Hilfestellung hätte Franco den Bürgerkrieg niemals gewonnen. Deutsche Flugzeuge transportierten Francos Truppen von Marokko nach Spanien. Auch die Bomberstaffeln der Legion Condor beeinflussten massiv das Kriegsgeschehen. Hingegen verweigerten Großbritannien und Frankreich der Republik jeglichen Beistand.

Als Flotten- und Luftwaffenstützpunkt Francos und seiner Verbündeten spielte Mallorca eine wichtige Rolle. Francos Bruder Ramon kommandierte die spanische Luftwaffenbasis auf Mallorca. 1938 starb er bei einem Flugzeugabsturz. Von Mallorca aus griffen deutsche und italienische Bomber Ziele in Ostspanien an. Im Hafen von Palma und in der Bucht von Pollensa lagen mehrere Kriegsschiffe der Putschisten. Ebenso diente Mallorca als Truppenübungsplatz; zahlreiche mallorquinische Freiwillige traten Francos Armee bei.

Wasserflugzeuge der Legion Condor, bei Puerto Pollensa stationiert, flogen Angriffe gegen Menorca und Ostspanien. Ein Gedenkstein erinnert in Pollensa an 13 Gefallene dieser Fliegergruppe. Noch immer starten und landen Wasserflugzeuge an gleicher Stelle wie damals.

Obwohl Spanien im Zweiten Weltkrieg offiziell neutral war, liefen deutsche U-Boote mallorquinische Häfen an. 1942 wurde Palmas Hafen ausgebaut. Flugzeuge der Achsenmächte nutzten Mallorca für Notlandungen.

18. Deutsche auf Mallorca im frühen 20. Jahrhundert

Die starke Präsenz deutscher Touristen auf Mallorca hat ihre Vorgeschichte. Erstmals kamen Deutsche 1229 als Söldner Jaumes I. nach Mallorca.

Deutsche Firmen investierten hier seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Siemens baute mehrere Straßenbahnlinien; ab 1903 versorgte die Firma Ahlemeyer Palma mit Strom. Aber auch deutsche Kleinhändler, Drogisten, Metallwarenverkäufer und Handwerksbetriebe stärkten Mallorcas wirtschaftliche Entwicklung.

Palma war damals eine kleine beschauliche Stadt, in der hübsche Villen die Szenerie bestimmten. Gerade erst wurde die Stadtmauer abgetragen. Seit 1932 konnte man auf Mallorca Rundfunksendungen aus Deutschland empfangen. Innerhalb der letzten hundert Jahre wuchs Palmas Bevölkerungszahl von 60 000 auf 400 000 Bewohner.

In den 1920er-Jahren entstand auf Mallorca eine deutsche Touristen-„Kolonie“: etwa 9000 Urlauber und 2200 „Residenten“. Zahlenmäßig erreichten die Deutschen knapp den gleichen Anteil wie Briten und Franzosen.

1932 wurde die „NS-Ortsgruppe Palma de Mallorca“ gegründet. Der politisch umtriebigen Vereinigung schlossen sich zahlreiche Mallorca-Deutsche an. Kurz vor Hitlers Machtübernahme wurde der Nationalsozialist Hans Dede, „Vater der deutschen Kolonie“ auf Mallorca, zum Honorar-Konsul ernannt.

Dede observierte deutsche Emigranten, insbesondere Juden, welche auf der Insel lebten und verfasste über sie Berichte, die er deutschen Behörden zusandte. Unter Francos Herrschaft wurden Juden auf Mallorca schikaniert und zur Auswanderung gezwungen. Einige begingen Selbstmord. Im Mai 1945 wurden das deutsche Konsulat in Palma geschlossen und alle NS-Organisationen aufgelöst.

19. Die Zeit der Diktatur Tourismus als Chance und Gefahr

Francos Diktatur gestalteten vorwiegend autoritär-konservative, monarchistische und katholisch-klerikale Kräfte. Schon vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges drängte Franco die faschistischen Tendenzen seiner Bewegung zurück.

Der Kalte Krieg rettete den Putschgeneral; die Westmächte benötigten Spanien und scheuten das Risiko, die Diktatur zu stürzen. Franco bestimmte 1947 einen Bourbonen, Juan Carlos, zum künftigen König Spaniens und schloss 1953 mit den USA ein Stützpunktabkommen. Auf Mallorcas höchstem Berg, dem Puig Mayor, errichtete das amerikanische Militär eine Radaranlage.

Das zentralistische Madrider Regime unterdrückte jeglichen Regionalismus. Nur die kastilische Sprache war erlaubt. Auch moderne Kunstströmungen durften sich nicht entfalten. Erst seit den 60er-Jahren regten sich mallorquinische Traditionen, und der Gebrauch des Katalanischen kehrte allmählich zurück.

Obwohl Mallorca im Bürgerkrieg Franco tatkräftig unterstützt hatte, verwandelte es sich nun in eine Fluchtburg mancher Regimekritiker, die sich häufig im Hotel Formentor trafen.

Trotz hoher amerikanischer Kredite, die Franco erhielt, blieb Spanien bis in die 1960er-Jahre verarmt. Mallorca gehörte zu den ersten spanischen Regionen, die sich in den 1950er-Jahren dem Tourismus öffneten. Binnen weniger Jahrzehnte wurde die Infrastruktur der Insel modernisiert und ihre Sozialstruktur deutlich verändert.

Während der 1920er-Jahre verbrachten reiche Touristen auf Mallorca bevorzugt die Wintermonate. Etwa 30 000 Touristen kamen im Jahr 1930 nach Mallorca. 1960 waren es 300 000, 1990 vier Millionen, 2012 neun Millionen. Dieser enorme und rasche Anstieg ging mit dem Ausbau von Palmas Seehafen und besonders des Flughafens Son San Juan einher, der 1960 als Verkehrsflughafen eröffnet wurde. Hinzu kamen die Autobahn und andere neue Straßen; der Stausee Gorg Blau sichert die Wasserversorgung.

Der Wildwuchs unzähliger Hotels beeinträchtigte Mallorcas Naturschönheiten. Ganze Küstenbereiche verschwanden unter Beton. Diese „Balearisation“ sollte kurzfristigen Gewinn einbringen. Dank des Tourismus prosperiert aber die Insel, sodass Mallorca heute zu den reichsten spanischen Regionen gehört.

Die neue Dienstleistungskultur erleichterte den Übergang zur Demokratie nach Francos Tod 1975. Trotzdem birgt die einseitige Fixierung auf Urlauber für Mallorca wirtschaftliche Risiken. Sollte der Boom eines Tages enden, entstünde eine ähnliche Situation wie 1898. Der Tourismus wäre als trügerisches „El Dorado“ bloßgestellt; gewisse Parallelen zum 16. Jahrhundert liegen nahe. Zukunftsindustrien entbehrt die Insel.

20. Rückkehr zur Demokratie und die neue Autonomie

Bei den ersten freien Wahlen seit 1936 wählte Mallorca 1977 erneut konservativer als der spanische Durchschnitt. Die liberalkonservative UCD des Ministerpräsidenten Adolfo Suarez erhielt landesweit 34% der Stimmen, auf Mallorca jedoch 51%.

Gemäß der spanischen Verfassung von 1978 wurden in Katalonien, dem Baskenland und Galicien Regionalregierungen eingeführt. Die Balearen erhielten 1983 den Status einer „autonomen Region“. Seit 1983 gliedert sich ganz Spanien in autonome Regionen; teilweise haben sie unterschiedliche Rechte und gelten nicht als Staaten. Historisch orientieren sie sich an den 1833 formal eingeführten Regionen.

Die Balearen haben Kompetenzen, die etwa den Rechten der deutschen Bundesländer entsprechen. Palma ist Sitz der Regionalregierung. 1983 fanden die ersten Wahlen zum balearischen Parlament statt. Der Einfluss der autonomen Regionen wird dadurch gestärkt, dass sie Abgeordnete in den spanischen Senat entsenden.

Der Präsident der balearischen Regionalregierung wird vom Parlament gewählt und vom König ernannt. Darüber hinaus verfügen Mallorca, Menorca, Ibiza und Formentera jeweils über einen „Inselrat“, der besonders das Bauwesen und die Abfallentsorgung verwaltet und spezifische Inselinteressen vertritt. Mallorca besteht aus 53 Gemeinden und den Stadtverwaltungen von Palma, Alcudia, Soller, Inca, Felanitx, Llucmayor, Manacor. Offizielle Amtssprachen sind kastilisch und katalanisch. Gegenwärtig hat Mallorca etwa 900 000 Einwohner.

Mallorcas Autonomiestatut scheint gut zu funktionieren. Es meidet die Gefahr der Isolierung genauso wie die einer zentralistischen Bevormundung. Sollte sich aber Katalonien, Mallorcas verwandter Nachbar, von Spanien lossagen, dürfte das die Balearen nicht unberührt lassen.

Bei den landesweiten Wahlen von 1983 ging der sozialistische PSOE als Sieger hervor, nicht aber auf Mallorca, wo die Konservativen (Alianza Popular) dominierten. Der starke Dienstleistungssektor mit vielen Unternehmern und der geringe Anteil an Industrie fielen dabei ins Gewicht. Jedoch wählten Menorca, Ibiza und Formentera überwiegend die PSOE, die deshalb zur stärksten Partei im Regionalparlament der Balearen avancierte. Die drittstärkste Kraft wurde die „Unio Mallorquina“.

1986 wurde Spanien Mitglied der EU und nutzte Fördergelder für den Aufbau einer neuen Infrastruktur. Modernisiert wurde die Industrie, der Tourismus boomte, die Wirtschaft wuchs, aber dennoch gab es mehr Arbeitslose. Die konservativ-neoliberale Regierung Aznar deregulierte zwischen 1996 und 2004 den Arbeitsmarkt. Sein Nachfolger Zapatero (PSOE), der von 2004 bis 2011 regierte, konnte 2008 das Platzen der Immobilienblase nicht verhindern, wodurch Spaniens Bauwirtschaft in eine schwere Krise geriet.

Dieses stete Auf und Ab spiegelte sich auf Mallorca wider. Derzeit sind etwa 75% der mallorquinischen Erwerbstätigen im Dienstleistungssektor beschäftigt, der 80% der Wertschöpfung erwirtschaftet. 10,5% arbeiten im Baugewerbe; es hängt sehr vom Tourismus ab. In der ebenfalls mit dem Tourismus verknüpften Industrie - Textilien, Lederwaren, Schmuck, Schuhe - sind 8% beschäftigt. In Landwirtschaft und Fischfang arbeiten noch 5% der Erwerbsbevölkerung. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt mit 118% über dem spanischen Durchschnitt. Stark gingen die Lebenshaltungskosten in die Höhe.

Heute versucht Mallorca, Landschaftspflege und Tourismus miteinander zu vereinbaren. Laut einem Küstenschutzgesetz ist die weitere Bebauung von Stränden und Steilküsten untersagt. Die Insel Cabrera wurde unter Naturschutz gestellt.

21. Literatur

Literatur: Walther L. Bernecker, Horst Pietschmann, Geschichte Spaniens. Von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, 2. Aufl., Stuttgart 1997. Georg Bossong, Das maurische Spanien, 3. Aufl., München 2016. Thomas Freller, Die Geschichte Mallorcas, Ostfildern 2013. Michael Imhof, Trauminsel Mallorca. Geschichte, Architektur, Landschaft, Petersberg 1998. Alexander Sepasgosarian, Mallorca unterm Hakenkreuz 1933-1945, Göttingen 2017. Heide Wetzel-Zollmann, Wolfgang Wetzel, Mallorca. Ein Streifzug durch die 6000jährige Geschichte Mallorcas, Freiburg 1991.